Interview

Per Anhalter durch Deutschland: Interview mit Jannis Riebschläger

Jannis Riebschläger ist gerade 18 Jahre alt, als er zum ersten Mal den Daumen rausstreckt. Sein Lieblings-Fortbewegungsmittel seither: die Autos wildfremder Menschen.

Als ich Jannis 2015 auf der DNX, der Digitale Nomaden Konferenz in Berlin, kennenlerne, wo er als Speaker auf der Bühne steht,  ist er mir deshalb direkt sympathisch. Denn ich habe fast eine Gänsehaut, wenn ich an das Freiheitsgefühl denke, das einem das Anhalterfahren gibt. Seine Erzählungen erinnern mich an die vielen schönen, menschlichen Erfahrungen, die auch ich beim Trampen auf der ganzen Welt gemacht habe, und die einen Glauben lassen, dass die fremden Menschen da draußen doch gar nicht so schlecht sind.

Jannis hat mittlerweile sogar einen Dokumentarfilm über das Anhalterfahren gedreht, mit dem er durch Deutschland tourt. Im unserem Gespräch erzählt er, was das Trampen für ihn ausmacht – und was Vor- und Nachteile des Anhalterfahrens in Deutschland sind.

Das Interview mit Jannis

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Jannis, wir haben bei uns in Deutschland eine super Infrastruktur. Per Bahn oder mit dem eigenem Auto kommt man schnell überall hin, dazu gibt’s die günstigen Alternativen wie BlaBlaCar oder Fernbusse. Warum stellst du dich an die Straße, um von A nach B zu kommen?

Angefangen hat das Ganze im Frühjahr 2014. Ich war gerade 18 geworden und bei einem Freund in meiner Heimatstadt Leverkusen zu Besuch, der über Couchsurfing derzeit zwei Franzosen zu Gast hatte. Wir haben Reisegeschichten ausgetauscht und sind dabei irgendwann auf das Thema Trampen gekommen. Da wir uns super verstanden und stundenlang gequatscht haben, habe ich gar nicht gemerkt, wie spät es inzwischen geworden war. In dem Stadtteil fuhren um die Zeit keine Busse mehr. Also habe ich, das Gespräch über das Trampen noch im Ohr, einfach mal mein Glück versucht und den Daumen rausgehalten. Das hat zu meiner Überraschung sofort geklappt! Für mich war das so etwas wie ein kleines Abenteuer, ein kleiner Kick und auch ein Aha-Erlebnis. Da wusste ich: Das muss ich unbedingt wiederholen.

In den Sommerferien desselben Jahres wollte ich dann über die Alpen wandern und meine Freunde in Süditalien besuchen. Und da ich zum einen wenig Kohle hatte, zum anderen Lust, das Trampen mal auf einer längeren Strecke auszuprobieren, habe ich die Strecke quer durch Deutschland und Italien komplett per Anhalter zurückgelegt. Auch überhaupt kein Problem.

Und, um auf das Warum zurückzukommen: Beim Anhalterfahren geht es für mich in erster Linie nicht um das Erreichen eines bestimmten Zieles. Wie man so schön sagt: Der Weg ist das Ziel. Bei jeder Fahrt lerne ich neue Leute und oft auch neue Orte kennen. Das macht das Reisen total unterhaltsam und erweitert den Horizont. Man lernt wirklich sehr verschiedene Menschen kennen.

Wie viele Leute haben dich in Deutschland schon mitgenommen?

Uff, schwer zu sagen. Vielleicht 30 oder 40.

Was war dabei deine beste Erfahrung?

Einmal hatte ich einen echt miesen Tramp-Tag. Als ich mitten in der Nacht schon aufgeben wollte, habe ich einen LKW mit Kennzeichen meiner Heimatstadt gesehen. Der hat mich dann von Hamburg komplett bis nach Leverkusen mitgenommen hat. Ich war nach dem langen Tag echt hundemüde, was der Fahrer wohl gemerkt hat. Er hat mir sein Bett hinter der Fahrerkabine angeboten, so dass ich die Fahrt über etwas schlafen konnte. Und das, obwohl der Fahrer zuerst sagte, dass er sonst nie Anhalter mitnimmt.

Und du hattest dabei keine Angst, dich einfach bei ihm schlafenzulegen?

Nein, gar nicht. Ich hatte ja sowieso nichts Wertvolles dabei (lacht). Und ich verlasse mich meist einfach auf mein Gefühl. Vielleicht ist es naiv, aber ich bilde mir ein zu merken, welche Absichten jemand hat.

Ich frage vor allem, weil ich weiß, dass die meisten Leute, die selbst nie per Anhalter gefahren sind, denken, man würde nur an komische Gestalten geraten. Ich habe aber auch nur super Erfahrungen gemacht: Von einem Paar in Australien, das mich auf ihrem Weingut im Outback übernachten lassen hat, einem Argentinier, der mich zu seiner Familie in eine Art Lehmhütte eingeladen hat, oder einem Geschäftsmann aus Saudi-Arabien, der mich vom Frankfurter Flughafen bis vor die Haustür in NRW gebracht hat – und dabei einfach mal 70 Km Umweg gefahren ist. Aber hast du auch mal schlechte Erfahrungen gemacht?

Nur einmal: Vor Berlin ist einem Fahrer kurzfristig eingefallen, dass er die Autobahn verlassen muss. Er hat mich am Straßenrand der Bundesstraße rausgeschmissen, wo man als Fußgänger eigentlich nicht stehen darf. Prompt hat mich die Polizei eingesammelt, verwarnt und in ein winziges Kaff genommen, aus dem das Weitertrampen fast unmöglich war. Erst nach ein paar Stunden habe ich eine Fahrerin gefunden, die überhaupt auf die Autobahn gefahren ist. Es war zwar die falsche Richtung, doch das war mir in dem Moment egal. Insgesamt bin ich einen riesigen Umweg gefahren und erst spät in der Nacht zu Hause angekommen.

Ja, manchmal braucht man wirklich Geduld. Wenn man Zeitdruck hat, sollte man nicht per Anhalter reisen. – Wir haben ja gerade über die Leute gesprochen, die einen mitnehmen. Wenn du den typischen Menschen beschreiben müsstest, der anhält, wer wäre das?

Interessanterweise sind es ganz unterschiedliche Typen, die anhalten. Am häufigsten mitgenommen werde ich jedoch von Leuten, die selbst viel gereist sind, besonders von Männern aus der Generation, in der Trampen noch viel üblicher war als heute. Außerdem Eltern, die Kinder in meinem Alter haben und denen ich deshalb irgendwie sympathisch zu sein scheine. Und oft Berufsfahrer, die weite Strecken zurücklegen müssen und sich daher über ein wenig Abwechslung freuen. Fast nie mitgenommen werde ich dagegen von alleine reisenden Frauen, außer ich bin selbst mit einer Freundin unterwegs. Das ist wohl den vielen Horrormärchen über das Trampen geschuldet (lacht).

Ja, das ist auch meine Erfahrung. Gerade Leute, die früher per Anhalter gefahren sind, sagen: „Ich wusste gar nicht, dass das heute noch jemand macht.“ Einmal hat auch ein Mann seine Frau überredet, dass die beiden mich mitnehmen und sie meinte nur „Hauptsache, sie haben keine Waffe dabei…“. Am Ende sind wir sogar über E-Mail in Kontakt geblieben.

Ja, mit ein paar Leuten habe mich auf den Fahrten auch angefreundet.Anhalter DeutschlandHast du Tipps, was man tun sollte, um mitgenommen zu werden?

Wenn du vor einer Auffahrt stehst, die in mehrere Richtungen geht, ist eine Pappe wichtig, um kenntlich zu machen, wo du überhaupt hinmöchtest. Besser ist es aber, nur grob eine Richtung anzugeben. Verwirre die Fahrer nicht unnötig mit Städtenamen. Den Fehler habe ich anfangs selbst gemacht. Vergiss nicht, dass die meisten Fahrer inzwischen mit Navi fahren und vielleicht gar nicht wissen, dass deine Stadt auf ihrer Route liegt. Oder sie denken, sie könnten dir nicht helfen, weil sie ja ein anderes Ziel haben.

Fahrer, die selbst noch nie getrampt sind, haben wahrscheinlich gar nicht das Bewusstsein dafür, wie hilfreich es allein schon sein kann, wenn sie euch auf die Autobahn oder zur nächstbesten Raststätte mitnehmen. An der Raststätte angekommen, sollte man sich nicht scheuen, die Fahrer anzusprechen. Ein offenes Lächeln wirkt hier Wunder!

Mehr Tipps zum Trampen habe ich übrigens in einem Blogartikel zusammengefasst.have-you-seen-germany-per-anhalter-durch-deutschland-jannis-riebschläger-4

Deine Tipps kann ich nur unterstreichen. Die Leute direkt anzusprechen hat bei mir auch immer am besten geklappt. Außer in Brasilien: Da stand ich mal mit einem Freund 24 Stunden an einer Raststätte und keiner hat uns mitgenommen. Am Ende hatten wir zwar neue Freunde unter den Truckern, die deutschen Schlager mochten, aber mussten doch den 100 € teuren Bus nehmen, um rechtzeitig zum Karneval in Rio zu sein…Aber das ist eine andere Geschichte. Zu deinen Plänen: Was ist dein nächstes Ziel?

Bei meiner nächsten Reise werde ich mal eine andere Fortbewegungsmethode ausprobieren. Mein Gastvater in Nepal hat mir letzen Winter das Motorradfahren beigebracht. Im Juni mache ich den richtigen Führerschein und gehe dann auf Motorradtour durch Europa. Ich bin gespannt auf die neuen Perspektiven und freue mich darauf, noch ein paar Orte gezielt ansteuern zu können, an denen ich vorher vorbeigetrampt bin.

Zuletzt: Wie du weißt, ist Have You Seen Germany ein Blog über das Reisen in Deutschland. Deshalb noch deine persönliche Meinung: Was magst du besonders an Deutschland, am Reisen hier, an den Menschen? Warum sollte man hier reisen statt in die Ferne zu schweifen? Aber auch: Was gefällt dir woanders besser? 

Deutschland hat eine gute Infrastruktur und strenge, gut überwachte Gesetze. Das ist Fluch und Segen zu gleich. Auf der einen Seite ermöglicht es mir, ohne viel Planung einfach drauf los zu trampen. Ich muss mir keine großen Gedanken um kulturelle Unterschiede machen und kann aussprechen, was ich denke. Dazu ist die Kriminalität verschwindend gering. Es gibt wenig gefährliche Krankheiten oder gefährliche Tiere – und es kommt Trinkwasser aus der Leitung.

Auf der anderen Seite habe ich jedoch auch hohe Bußgelder zu befürchten, wenn ich wild campe oder an einer Straße stehe, wo ich nicht stehen darf. Das Autobahnnetz ist für Fußgänger fast unnahbar und so stehe ich oft stundenlang vor den Auffahrten, statt wie in anderen Ländern einfach den Highway entlangzulaufen. Aber das finde ich gerade das spannende am Trampen: Durch die Langsamkeit entdecke ich viele kleine Unterschiede und deren Zusammenhänge. Ich lerne kennen, wie sich von Region zu Region einzelne Dinge langsam ändern, manche Dinge jedoch auch gleich bleiben. Daher starten meine Abenteuer in Deutschland und Europa fast immer direkt vor meiner Haustüre in Leverkusen. So wird mir jedes Mal zunächst meine eigene Heimat bewusst, bevor ich mich in ein anderes Land stürze.


Wie ist deine Meinung zum Hitchhiken? Was sind deine Erfahrungen?

Und: Möchtest du hier mehr solcher Interview mit Menschen lesen, die auf besondere Weise durch Deutschland reisen?

Hau’ deinen Kommentar raus!


Mehr über Jannis’ Anhalter-Abenteuer gibt es auf seinem Blog Jannis’ Life und seiner Facebook-Seite.

Seinen sehr empfehlenswerten Film „Hyperborea“ gibt es hier zum Streamen oder zum Download. Wenn ihr über den Link bestellt oder den Code „haveyouseen“ eingebt, bekommt ihr einen Discount von 10%.

Oder: Ihr besucht direkt das Finale seiner Deutschland-Tour am 6. Juni (Mo) in Köln und trefft Jannis persönlich.

Mehr Infos zum Film unter: www.hyperborea-film.com


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