Erfahrungsbericht

Der Wasen: Von Fettnäpfchen, Wiesn-Wettmessen und echten Soziologen

Ich werde versuchen, das O-Wort so wenig wie möglich zu gebrauchen. Und ich werde versuchen, auf den korrekten Genus des Artikels vor „Wasen“ zu achten.

Denn mit zwei Dingen kann man sich als Neuling auf dem Cannstatter Volksfest in Stuttgart, a.k.a. Wasen, so richtig unbeliebt machen:

1. Wasen-Fettnäpfchen

Man benutzt zu oft das O-Wort, besonders in vergleichender Form.

Zur Erklärung: Das O-Wort bezeichnet ein anderes, weltweit bekanntes Volksfest auf einer großen Wiese in München. Man munkelt, es weise einige Parallelen zum Volksfest im Stuttgarter Stadtteil Bad Cannstatt auf.

2. Wasen-Fettnäpfchen

Man sagt DIE Wasen statt DER Wasen – womit man beweist, gedanklich bei der Münchner Variante hängengeblieben oder noch nie auf DEM Wasen in Stuttgart gewesen zu sein.

Fettnäpfchen Nr. 2 ist für Lernwillige recht leicht zu umgehen: DER Wasen, DER Wasen, DER Wasen. Vor dem Besuch dreimal energisch aufgesagt = eingeprägt.

Aber es ist wirklich kein Leichtes, sich komplett von Stuttgart-München-Vergleichen freizumachen. Möchte ich jemandem, der den Wasen noch nie besucht hat, vom Fest berichten, komme ich um folgende Begriffe nicht herum:

Dirndl, Festzelt, Maßbier.

Dinge, die der Laie, respektive ausländische Tourist zunächst mit dem Oktoberf… – und jetzt wäre es mir fast rausgerutscht – verbindet.

Das ewige Wasen-Wiesn-Wettmessen

Was mir in Stuttgart auffällt: Wahrscheinlich unabsichtlich, dennoch häufig befeuert der typische Wasenverfechter den Wettstreit. Bei meinem Besuch bekomme ich dutzende Male zu hören:

Der Wasen sei das größte Schaustellerfest der Welt.

Die Bierzelte hätten die deutlich schönere und detailreichere Innenausstattung als die bayrischen Pendants (das würden sogar die Münchner Festzeltwirte zugeben).

Der höchste Freifallturm der Welt stehe nicht etwa in München, sondern – dreimal darfst du raten: hier in Stuttgart.

Auch die Entstehungsgeschichte stehe völlig für sich: Bei dem ersten Wasen im Jahre 1818 wurde nicht etwa in München abgeschaut, wo man seit 1810 Wiesn feiert. Nein, als Kaiser Wilhelm I. von Württemberg und seine Frau Katharina dem Volk den Cannstatter Wasen stifteten, taten sie es, um die Stimmung der Menschen aufzuhellen. Denn ein Vulkanausbruch in Indonesien 1815 hatte durch seine Gas- und Staubausstöße jahrelange Missernten und Hungersnöte nach sich gezogen. Bis ins Schwabenland.

Ich nicke und denke: Der 1909 gegründeten Borussia aus Dortmund wirft ja auch niemand vor, ein Abklatsch der 1900 gegründeten Borussia aus Mönchengladbach zu sein.

Dennoch zeigen all die Vergleiche, die ungefragt aufgestellt werden: Ein wenig scheint man sich hier im Schatten des größeren und bekannteren Oktoberfests zu fühlen.

Ich finde: Diesen Wettbewerbsgedanken hat der Wasen gar nicht nötig.

wasen-stuttgart-have-you-seen-germany-travel-blog-98 Klar, in München gibt es gut doppelt so viele Bierzelte (16 vs. 9), in denen mehr Menschen Platz haben (118.000 vs.  30.000 Sitzplätze). Außerdem stehen 6,4 Millionen Besucher in München 4 Millionen Besuchern in Stuttgart gegenüber.

Aber wie so oft im Leben: Kommt es wirklich auf die Größe an?

Denn vieles, was ich bei meinem ersten Besuch des Wasen erlebe, vermittelt mir einen sehr sympathischen Eindruck:

Man hat das Gefühl, vor allem mit Menschen aus der Region an der Bierbank zu sitzen – nicht in einer Horde italienischer und australischer Trink-Touristen auf der Suche nach dem heiligen Rausch. Diesen Umstand habe ich schon beim Schützenfest in Balve zu schätzen gewusst.

Nicht, dass mir Schwaben per se lieber wären als Italiener oder Australier – aber je regionaler ein Fest, desto authentischer, oder? [Für die Statistik: In München sind 30 % der Besucher nicht aus Bayern, in Stuttgart nur 4 % nicht aus Baden-Württemberg.]

Wasen in Stuttgart , Ruben Drenth ©

Und: Alles wirkt etwas weniger überfüllt, weniger aufgeheizt als auf der Wiesn. Ich sehe weniger Gedränge, weniger lange Schlangen. Und keinen Platz, der dafür bekannt ist, dass sich die Leute hier die letzten Liter Helles noch einmal durch den Kopf gehen lassen.

Dafür eine sehr schöne Einrichtung: die Heimweg-Hilfe. Der ehrenamtliche Verein fährt Gäste, die über den Durst getrunken haben, in ihrem eigenen Wagen nach Hause. Nur die Taxikosten für die Rückreise des hilfsbereiten Fahrers fallen an. Ungeklärt, wie viele Führerscheine sie so schon gerettet haben.

wasen-stuttgart-have-you-seen-germany-travel-blog-40Menschen hinter dem Wasen

Wer meine bisherigen Reiseberichte, z. B. über Essen, das Schützenfest in Balve oder Kalifornien gelesen hat, dem wird aufgefallen sein: Mich interessieren die Geschichten der Menschen, die einer Stadt, oder eben einem Volksfest, das Leben einhauchen. Und da auf dem Wasen alles etwas entspannter zugeht, bleibt zwischen Maß und Göckele (=Grillhähnchen) etwas Zeit, mit einigen Menschen hinter den Kulissen zu sprechen.

Wie mit Mathias Bucher von der Brauerei Dinkelacker, der mir erklärt, wie und wo pro Nacht 40.000 Liter Bier durch die Schläuche fließen. Er koordiniert die Arbeit der Kellner und grüßt jeden persönlich.wasen-stuttgart-have-you-seen-germany-travel-blog-38

Wasen in Stuttgart , Ruben Drenth ©

wasen-stuttgart-have-you-seen-germany-travel-blog-47Kein leichter Job: Jeder Kellner muss zunächst rund 1000 Euro für die Arbeitskleidung (Lederhose, robuste Wanderschuhe etc.) in die Hand nehmen, bevor auch für ihn der Rubel rollt. Und fällt im Trubel einmal ein voll beladenes Tablett zu Boden, liegt das Risiko allein beim Kellner, der zuvor alles bei der Zeltgastronomie ankauft. Es erklärt, warum der ein oder andere Kellner gereizt reagiert, wenn ihm ein angetrunkener Gast in den Weg stolpert.

wasen-stuttgart-have-you-seen-germany-travel-blog-27Nach ein paar Stunden auf dem Wasen habe ich den Eindruck, dass viele Besuchergrüppchen in den Zelten lieber unter sich bleiben, sich nicht so mischen, wie ich es von anderen Festen, geschweige denn vom Karneval im Rheinland kenne. Bucher erklärt mit einem Augenzwinkern: “Wenn ein Schwabe eine Wirtschaft mit zehn Tischen betritt, und an jedem Tisch sitzt eine Person – dann geht der Schwabe wieder heraus und sagt: Ist alles voll.”

Auf dem Weg zwischen zwei Zelten komme ich dann mit Mark Roschmann, einem Schausteller und gleichzeitig dem Vorsitzenden des Schaustellerverbandes Südwest, ins Gespräch. Er betreibt schon in der fünften Generation ein Pony-Karussell.

Wir trinken an einer Pommesbude Kaffee, er zündet sich eine Zigarette an. Er erzählt von 1001 Auflagen, die jeder Schausteller zu erfüllen habe, von Prüfern, die sich das teuer bezahlen ließen, und wie wenig dadurch am Ende von einer vermeintlich teuren Karussellfahrt oder Bratwurst übrig bleibe.

wasen-stuttgart-have-you-seen-germany-travel-blog-43wasen-stuttgart-have-you-seen-germany-travel-blog-41Er erzählt von einem Ölscheich, der nach dem Wasen-Besuch ein Riesenrad als Geburtstagsgeschenk für seine Kinder kaufte. Second Hand natürlich – auch ein Milliardäre haben das Geld nicht mehr so locker sitzen.

Er erzählt vom Wettrüsten der Schausteller um die Gäste, die angesichts der Konkurrenz durch Freizeitalternativen wie 3D-Kinos immer mehr erwarten würden. Doch am Ende zähle immer noch die Liebe zum Detail: Wie die neuen Hupen an seinem Pony-Karussell, von denen er schwärmt.

Alles Dinge, an die man als Besucher keinen Gedanken verschwendet, sucht man nur den schnellsten Weg zum Festzelt.

Zuletzt interessiert mich, wie der Arbeitsalltag des Sicherheitsdienstes aussieht. Ich spreche einen kantigen Security an, der zunächst wenig freundlich abblockt – das müsse er in seinem Job so machen, sagt er später.

wasen-stuttgart-have-you-seen-germany-travel-blog-50Aber als er merkt, dass ich keiner der Trunkenbolde bin, die ihm minütlich auf die Nerven gehen, und von meinem Blog erzähle, öffnet er seine Anekdotenkiste – und plaudert los:

Von Millionärssöhnen, die ihn voller Überheblichkeit mit 22.000 € teurem Champagner bespritzen – und die er in aller Ruhe vor die Tür setzte. Sie betteln um Wiedereinlass, er grinst. Er erzählt von High-Society-Ladies jenseits der 50, die bevorzugt Securities zur privaten After-Wasen-Party einladen. Und davon, dass die weniger gut betuchten Gäste oft die dankbarsten seien – diejenigen, die auch mal ein Trinkgeld springen lassen würden.

Ich gewinne den Eindruck: Menschen wie er, der Security, Menschen wie Bucher oder Roschmann, die jeden Tag tausenden unterschiedlichen Charakteren begegnen, sie kennenlernen und lernen mit ihnen umzugehen, sind die wahren Soziologen. Soziologen der Praxis.

Mit zwei Maßbier und deutlich mehr Eindrücken verlasse ich die, sorry, den Wasen (die Maßbier müssen schuld sein) und fahre in der vollen S-Bahn gen Stadt.

Ich denke: Wenn mich demnächst auf einer Reise außerhalb Deutschlands ein Australier fragt, ob wir uns im nächsten Jahr auf dem Oktoberfest sehen, werde ich sagen:

Maybe. But Have You Seen The Wasen?

Auf Englisch muss ich mir dann zum Glück auch keine Gedanken um den korrekten Artikel machen…

                                                                             

Vielen Dank an Ruben Drenth (www.rubendrenth.com), dass er mir seine tollen Bilder zur Verfügung gestellt hat. Ihr erkennt sie an seinem Wasserzeichen.

Mehr Bilder findet ihr im Fotoalbum auf der Have You Seen Germany-Facebook-Seite.

                                                                             

Was denkst du über den Wasen?

Kannst du meine Eindrücke bestätigen?

Ich freue mich auf deinen Kommentar!

                                                                             

Wenn ihr mehr über den Wasen erfahren wollt oder ein Weihnachtsgeschenk für Wasen-Fans sucht, empfehle ich euch das kleine Buch 55 1/2 Orte auf dem Wasen, die man gesehen haben muss:

Und wer gar nicht genug bekommt, kann sich diese Doktorarbeit zum Wasen zu Gemüte führen:

 

 

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3 Comments

  • Reply Heli März 8, 2016 at 16:53

    Hallo Marvin, gut geschrieben, aber ein grober Fehler ist dabei. Der Wasen heißt Cannstatter Wasen weil er sich in Bad Cannstatt befindet und nicht in Stuttgart. Stuttgart und Cannstatt gleichzusetzen ist so schlimm wie die Wasen statt der Wasen:-)

    • Marvin
      Reply Marvin März 25, 2016 at 17:54

      Hallo Heli,

      danke erstmal für das Lob. Aber bist du dir sicher? Laut Wikipedia ist „Bad Cannstatt […] der einwohnerstärkste und älteste Stadtbezirk der baden-württembergischen Landeshauptstadt Stuttgart.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Bad_Cannstatt)

      Die Stuttgarter, die ich dort getroffen habe, haben auch immer von Cannstatt als Stadtteil von Stuttgart gesprochen.

      Viele Grüße

      Marvin

  • Reply Wasenjobs .DE Mai 30, 2016 at 18:20

    Die Wasen ist und bleibt einzigartig.
    Euer Toni von Wasenjobs.de

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