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Prost statt Om: Bier-Yoga in Berlin

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Ist es das Blut, das mir in den Schädel steigt – oder das zweite Bier?

Kurz vor Ende unserer einstündigen Session befinden sich unsere Köpfe unter der eigenen Hüfte. Keine Ahnung, wie diese Yoga-Stellung heißt, aber zumindest wird auch der geübten Teilnehmerin links von mir leicht schummrig.

Gleich haben wir es geschafft. Hinter uns liegt die erste Bier-Yoga-Stunde unseres Lebens. Und ein Liter Gerstensaft.

Bier? Yoga? What the F***?

„Bier-Yoga? Was ist das denn?!“, so meine erste Reaktion, als die Facebook-Nachricht eines Freundes mit dem Link zu www.bieryoga.de aufpoppt. „Gibt’s dazu dann Meditationsschnitzel?!“

Aber gerade Dinge, die ich nicht kenne, ziehen mich an. So wie Yoga. Und wenn es dazu noch Pils gibt: umso besser.

Also schaue ich in Berlin-Neukölln vorbei. Zunächst habe ich Schwierigkeiten, die Location „Trude Ruth & Goldammer“ zu finden, in deren Hinterzimmer sich die Bier-Yogis versammeln. „Have You Seen Beer-Yoga?“, frage ich Passanten auf der Straße nach dem Weg. Denn im Melting-Pot Berlin, so meine Erfahrung, wird man auf Englisch oft besser verstanden.

Zwei Spanier zeigen mir den Eingang und ich betrete die Trude, eine urige, aber gemütlich-hippe Kneipe mit DDR-Style – und DDR-Preisen. Dort werde ich sofort freundlich von Jhula begrüßt, die stilecht im 80er-Gymastik-Outfit auf ihre Schützlinge wartet. Wie Cindy Crawford zu ihren besten Zeiten.

Jhula heißt im Nicht-Yoga-Leben Julia und ist Deutschlands erste und derzeit einzige Bier-Yoga-Lehrerin. Sie hat die kuriose Kombi nach Deutschland importiert. Damit ist die 30-Jährige gewissermaßen der „Konrad Koch des Bier-Yoga“ (Anm. d. Red.: Konrad Koch war der Braunschweiger Gymnasiallehrer, der den Fußballsport 1874 nach Deutschland brachte).

Warum Bier-Yoga?

Wie und warum überhaupt Bier-Yoga, frage ich Jhula:

„Ich habe mich im letzten Jahr im Netz über das Burning Man-Festival in den USA informiert und gesehen, dass dort Bier-Yoga angeboten wird. Da ich selbst nicht in die Wüste Nevadas fliegen konnte, dachte ich mir: Dann hole ich Bier-Yoga eben nach Deutschland.“ Gute Idee.

Zwar ist Jhula ausgebildete Yoga-Lehrerin, aber ein Curriculum für Bier-Yoga sucht man in Deutschland bisher vergeblich. Also entwickelte sie ihr eigenes Programm: „Das hat rund drei Abende gedauert. Ein paar Biere haben die Kreativität unterstützt“, lacht sie und bittet mich, meine Sportkleidung anzuziehen.

Sportkleidung? Die habe ich – als absoluter Yoga-Laie – natürlich vergessen. Da man es mit der Kleiderordnung hier zum Glück nicht so (bier)ernst nimmt, darf ich ausnahmsweise auch in Hemd und Jeans mitmachen.Bier-Yoga, Bieryoga Bier-Yoga, BieryogaBier-Yoga, Bieryoga

Bier- statt Sonnengruß

Los geht’s mit einer handelsüblichen Yoga-Aufwärmübung, dem Sonnengruß, der standesgemäß in „Biergruß“ umgetauft wurde. Der Körper soll warm werden – und der Geist mit dem Biergenuss warm werden.

„Trinkt euren ersten Schluck ganz genüsslich. Spürt das Kitzeln auf der Zunge, das Gefühl, wie etwas Kaltes in euren Magen läuft“, instruiert Jhula. „Nehmt den Geruch des Bieres wahr. Woran erinnert es euch?“

Am Lachen der Teilnehmer ist zu erkennen, dass bestimmte Erinnerungen besser unausgesprochen bleiben.

Es folgen Übungen, die sowohl Muskelkraft als auch Koordination erfordern. So anstrengend hatte ich mir Yoga nicht vorgestellt. Eher als ein wenig aktionsreiches Meditieren. Aufrechtes Sitzen als maximale Anstrengung. Doch von meiner Stirn perlt der Schweiß wie das Kondenswasser von meiner Bierflasche.

Genau diese bietet glücklicherweise immer wieder kleine Belohnungen. Sport und Bier – das geht sonst wohl höchstens in einer Hobby-Fußball-Liga auf Kreisliga-Z-Niveau zusammen.Bier-Yoga, Bieryoga Bier-Yoga, Bieryoga Bier-Yoga, Bieryoga Bier-Yoga, BieryogaBier-Yoga, Bieryoga Bier-Yoga, Bieryoga

„Es gibt natürlich manchmal Kritik einzelner Hardcore-Yogi, die sagen, was wir hier machen sei kein echtes Yoga. Aber ich meine, man sollte das Ganze nicht allzu ernst nehmen. Es ist einfach eine neue Interpretation, bei der etwas mehr gelacht wird und der Spaß im Vordergrund steht. Seit Jahrhunderten entspannen die Leute schon beim Yoga, genauso beim Bier. Hier kommt beides zusammen.“

Trotz aller Spaß-Orientierung: Bier-Yoga ist auch sehr lehrreich. Denn nun weiß ich, was viele Biermarken meinen, wenn Sie auf ihre Flaschen die Empfehlung drucken: „Bier bewusst genießen.“ Denn das lehrt uns Jhula. Und mit ihrer gelungenen Kombination aus Biertrinken und Yoga hat sie einen Sport geschaffen, der echtes Trendpotenzial hat.Bier-Yoga, Bieryoga Bier-Yoga, Bieryoga

Kaum habe ich mich an die Yoga-Übungen gewöhnt, ist die Stunde schon vorbei. Sie endet mit einer kurzen Meditation im Liegen. Nicht einfach, jetzt wach zu bleiben.

Ein letzter kollektiver Schluck, dann schallt – statt Om – ein langgezogenes

Proooooooooooooooost

durch den Saal. Ich bin tiefenentspannt. Zumindest für den Augenblick.

Denn leider muss ich los, meinen Zug nach Münster bekommen. Gerne würde ich mit den anderen noch länger an der Theke über Yoga-Positionen wie den „Glücklichen Betrunkenen“ fachsimpeln. Oder, wie einige, Bier-Yoga als Warm-Up für das Berliner Nachtleben nutzen. Dass Bier-Yoga auf einen Freitagabend fällt, ist wohl kein Zufall.

Für mich aber bleibt es heute bei zwei Bieren – und damit morgen zumindest beim Muskelkater.

Mehr Bilder vom Bier-Yoga findet ihr im Fotoalbum zum Artikel auf meiner Facebook-Seite.

                                                                             

Was denkt ihr über Bier-Yoga?

Ist das noch Yoga? Oder eher Trinksport?

Kennt ihr ähnlich kuriose Sportarten?

Ich freue mich eure Kommentare!

 

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4 Comments

  • Reply jenny from the blog März 24, 2016 at 13:57

    Ich war auch da und ziemlich enttäuscht. Ich liebe Yoga und ich liebe Bier und hatte mir die perfekte Symbiose erhofft. Stattdessen grölende Typen, auf den Boden fallende Bierflaschen, Scherben und Bierlachen auf der eigenen Matte. Hatte mit Yoga leider nicht ansatzweise was zu tun, aber war trotzdem eine lehrreiche Erfahrung 😉

    • Marvin
      Reply Marvin März 24, 2016 at 15:04

      Hi Jenny,

      aber dann können wir nicht beim selben Termin da gewesen sein. Als ich da war, gab’s keine Bierlachen, zerbrochenen Bierflachen oder Ähnliches. Grölende Typen habe ich auch nicht wahrgenommen (bei einem Frauenanteil von rund 80 % – ich vermute recht üblich beim Yoga). Also alles sehr gesittet, entspannt und lustig. Wann und wo hast du denn teilgenommen?

      Ich würde Bier-Yoga nochmal ein zweite Chance geben. 🙂

  • Reply jenny from the blog März 24, 2016 at 19:55

    Es war der erste Termin im Loftus Hall. Irgendwann Anfang Februar…

  • Marvin
    Reply Marvin März 25, 2016 at 13:56

    Hmm, strange. Kann mir aber vorstellen, dass das die Ausnahme war. Sonst würde es ja nicht immer populärer werden. Und ich glaube, Jhula würde dann auch intervenieren, wenn Leute nur zum saufen und rumgrölen kämen…

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